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Im Valle d'Agrò

Wanderung im Valle d’Agrò

10. März 2025

Nach einer kurzen Fahrt über teilweise unbefestigte Strassen das Agrotal hoch, machen wir uns auf den Weg, bergan durch die grünen Hügel. Auf einem schmalen Pfad, zugewuchert mit mannshohem Gebüsch, bahnen wir uns einen Weg den Hang hoch. In Ermangelung einer Machete, schieben wir die Sträucher mit den Armen zur Seite, immer mit Blick auf den schmalen Pfad unter unseren Füssen, um nicht plötzlich in einen der Gräben zu fallen, die sich neben dem Pfad auftun. Wir kommen uns vor wie im Dschungel. Als wir oben auf eine unbefestigte Strasse stossen, sind unsere Kleider nass vom Wasser, welches wir beim Aufstieg von den Büschen abgestreift haben und auch, weil wir erheblich ins Schwitzen gekommen sind. Immerhin, unsere neuen Wanderschuhe haben den ersten Härtetest bestanden.

Vor uns erblicken wir das Dorf Casalvecchio Siculo, das sich an den Berghang schmiegt. Plötzlich erklingen die lieblichen Klänge von Ave Maria vom Kirchturm, erst danach läuten die Glocken, es ist 12 Uhr. Während wir auf gepflasterten Gassen durch das mittelalterlich anmutende Dorf hochsteigen, kommt mir Umberto Ecco in den Sinn. Hier wäre ein idealer Schauplatz für seine Romane, aber vermutlich gibts davon noch jede Menge auf Sizilien.

Ave Maria

Wir setzten uns auf eine Bank im Ort und sind überrascht, wie schön die Landschaft sich rund um uns herum präsentiert, alles in nächster Nähe zur Küste und unserem Campingplatz. Wir treffen auf der ganzen Wanderung keine Menschenseele in dieser grandiosen Natur. Derweil karren dutzende von Cars hunderte Touristen zum Ätna hoch, weil diese unbedingt einen Blick über den Kraterrand werfen wollen. Um nichts in der Welt würden wir tauschen wollen! Erinnerungen an Nepal von anno 1992 werden wach. Unvergesslich, die Wanderungen im blühenden Kathmandutal, im Umkreis von nur wenigen Kilometern der Hauptstadt. Während ein Grossteil der Touristen sofort nach Pokhara weiterflog, um zum Annapurna oder in die Nähe des Mount Eversts zu gelangen und auf ausgelutschten Trekkingpfaden in jedem Dorf eine Unterkunft und eine mehrsprachige Speisekarte vorfanden, liefen im Kathmandutal die Kinder zusammen und beäugten mich und meinen Freund, als hätten sie noch nie zuvor schwach Pigmentierte gesehen und kein Mensch sprach da Englisch! Wir übernachteten auf dem Dachboden bei wildfremden Leuten und assen, im Schneidersitz auf dem Boden, nur mit den Händen, Dal Baat (Reis und Linsen).

Wir gehen weiter und erreichen bald die Ortschaft Savoca. Da steht schon ein Reisebus und viele Touristen sind im Ort, womit wir gar nicht gerechnet hatten. Wahrscheinlich sind sie hergefahren um die Chiesa di San Nicolò zu bestaunen oder die Aussicht auf das Tal und das Meer zu geniessen, wer weiss? Wir setzen uns auf eine Terrasse und bestellen zwei Gläser Rotwein. Beim Bezahlen dann die böse Überraschung, für die drei Deziliter Wein, die auf unsere zwei Gläser verteilt wurden, bezahlen wir 23 Euro! Nie in meinem Leben habe ich mehr für ein Glas Wein bezahlt. Man kann also auch in Sizilien übel abgezockt werden, wenn man sich dumm anstellt (anderswo hat man ja gar keine Wahl). Wir haben unsere Lektion gelernt, das nächste Mal lassen wir uns nicht in der nächstbesten Knelle nieder und konsultieren erst einmal die Preisliste. Wir wissen schon, was es heute zum Abendessen geben wird (Brot und Käse) und auch wo (in unserem grünen Zelt). Das nennt man Kompensation.

Wir steigen wieder hinunter ins Tal, zuerst über die alte Serpentinenstrasse, danach auf einem breiten (Wander)weg. Wieder im Tal folgen wir auf einem hübschen Kiesweg dem Fluss (Fiumara d’Agrò) aufwärts, vorbei an Pferden und einer Schafherde. Wir erklimmen die letzten Höhenmeter unserer Tour zur Chiesa di San Pietro e Paolo d’Agró, wo wir vormittags unser Auto abgestellt hatten.

Wir sind heute vor einer Woche auf Sizilien angekommen und haben zum Abschluss unseres Aufenthalts an der Ostküste eine schöne und spannende Wanderung unternommen. Morgen reisen wir weiter, wir wollen unser Lager für ein paar Tage im Süden der Insel aufstellen.

9. März 2025

Die dunklen Wolken hängen tief und da wir jederzeit mit Regengüssen rechnen müssen, bleiben wir lieber in der Nähe des Zeltplatzes. Wir spazieren nachmittags der schnurgeraden, fünf Kilometer langen Küstenpromenade der Nachbarsgemeinde Santa Teresa di Riva entlang und durch die Stadt wieder zurück. Es ist Sonntag und wir treffen nur wenige Leute auf der Strasse an.

Abends essen wir in einem authentischen sizilianischen Restaurant. Ich muss aufpassen, dass «authentisch» nicht zum inflationären Begriff wird, aber wir können einheimische Lokale schon von solchen Unterscheiden, die auf Touristen ausgerichtet sind, wir kennen das von Ligurien und von Elba, auch von Vieste. Im gemütlichen Familienbetrieb hängen Bilder und Gemälde, die zum Teil käuflich erworben werden können, ein Leibchen des Torwarts Jean-Marie Pfaff hängt an der Wand, in Vieste wars ein Bild des FC Napoli mit Maradonna, in der Ecke läuft ein Quiz auf Rai 1 am TV. Ausser uns sind nur drei alte Männer im Lokal, die Karten spielen und dabei ziemlich grimmig dreinschauen. Wir werden freundlich empfangen und bedient, die Pizza aus dem Holzofen ist köstlich und der Teller voll Spinat (spinachi al burro) zur Vorspeise ebenso. Nach dem Kaffee offeriert uns der Patron einen Limoncello della Casa, ich mag das Getränk nicht sonderlich, aber dieser war der Beste, den ich je getrunken habe.

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