Cagliari, 30. März 2025
Nachdem wir es uns in unserer Unterkunft in Cagliari auf dem Bett bequem gemacht haben, schalten wir den grossen Flatscreen ein, siehe da, es gibt Netflix, sogar auf Deutsch! Wir entscheiden uns für «Der Leopard» («Il Gattopardo»), eine Neuverfilmung in sechs Teilen des Filmklassikers von 1963 mit Claudia Cardinale, Alain Delon und Burt Lancaster in den Hauptrollen. Wir kannten weder das Buch, noch den Film und wir liessen uns von den oppulenten Bildern hinreissen. Herrliche sizilianische Landschaften, blühende Gärten, Palermo, wie es Mitte des 19. Jahrhunderts ausgesehen hat, Pracht und Prunk der Adelsfamilien und des Fürstenhauses, Gutsbetriebe und herrliche Residenzen, mit Statuen und Bildern, Tafeln mit Köstlichkeiten, schöne Frauen mit teurem Schmuck in prächtigen Kleidern, die Aufführung des Gefangenenenchors Nabucco aus der Oper Palermos, einfach umwerfend! Wir haben nicht alle sechs Folgen auf einmal geschafft, bevor uns die Augen zufielen. Ich wähnte mich in einem grossen Himmelbett, und das Letzte was ich gehört habe, bevor ich ins Reich der Zitronen entschlummerte, war das Schnauben eines Pferdes im Hof, das mit den Hufen scharrte.
Am nächsten Morgen schlendern wir am Hafen von Cagliari entlang, alles ist sauber, aufgeräumt, organisiert. Zuerst denken wir uns nicht viel dabei, aber als wir mit unserem Rundgang in der Altstadt beginnen, dämmerts uns, hier stimmt doch was nicht! Es blenden die Fahrbahnmarkierungen, es fehlen die Schlaglöcher auf den Strassen, die Automobilisten halten freiwillig, sobald wir uns einem der zahlreichen Fussgängerstreifen nähern, es gibt kaum verbeulte Autos oder Rostlauben, keine fliegenden Händler, keine Bettler, keine Obdachlosen, noch nicht einmal Stände von Früchte- und Gemüsehändlern auf der Strasse, keine baufälligen oder heuntergekommenen Häuser, kein Schmutz, kein Lärm, es ist ruhig, beinahe still, als würden wir am Montagmorgen die Vordergasse in Schaffhausen hochlaufen. Wären wir gestern Abend von Palermo nach Lugano geflogen, hätten wir wenigstens gewusst, was uns erwartet, nun erleben wir einen Kulturschock in umgekehrter Richtung. Nur ein paar Seemeilen trennen die beiden Inseln Sizilien und Sardinien, aber es liegen Welten zwischen Palermo und Cagliari!
Wir bestellen einen Capuccino und ich scrolle durch die 59 Whats-App-Nachrichten des Gastgebers unserer Unterkunft, Ausgehtipps, Sehendwürdigkeiten und Restaurants. Der ruppige Wind, den sie hier «Maestrale» nennen, bläst mir unvermittelt meine Häufchen Tabek vom Zigarettenpapierchen, – «Scheisse!», fluch ich vor mich hin. «Heute ist nicht dein Tag, was?», raunt mir Susanne zu. Es ist mehr eine Feststellung als eine Frage. Ich kann ihr schon lange nichts mehr vormachen, sie weiss vor mir, wenn ich aufs Klo muss. Ich bin genervt!
Wir machen uns auf die zweite Runde durch die Altstadt, vorbei an den imposanten Ausgrabungen eines römischen Amphitheaters, blicken von oben auf den Hafen, den Stagno di Cagliari, ein grosses Feuchtgebiet am Stadtrand und auf die Quartiere und Stadtviertel die sich ins Landesinnere erstrecken, diese werden wir nicht zu sehen bekommen, ob es dort auch so beschaulich her und zu geht, wie hier? Cagliari hat eine halbe Million Einwohner, die Stadt ist gross. Nun gehts abwärts zum öffentlichen Garten, am Eingang wurde für streunende Katzen eine Unterkunft gebaut, mit bequemen Decken, Unterständen und einer bis zum Rand gefüllten Schale mit Futter, an der sich Tauben bedienen, die Katzen räkeln sich auf den Decken und stören sich nicht am Federvieh. Der Rasen ist kurz gemäht, Sträucher und Hecken ordentlich zugeschnitten, hübsche Baumgruppen wirken wie Arrangements, es gibt alle paar Meter Statuen, Laternen und Sitzbänke. Das Schmuckstück des Gartens sind die beiden eingezäunten Grossblättrigen Feigen (Ficus macrophylla), beide über 200 Jahre alt, mit gewaltigen Wurzeln und langen, tiefhängenden Ästen, die sich mehr in horizontaler als in vertikaler Richtung ausbreiten. Die beiden Bäume könnten locker einen Tennisplatz beschatten. Ein Ort der Ruhe und Meditation in einer ohnehin unglaublich unaufgeregten Stadt. Echt hübsch! Wir gehen weiter und kommen auf die riesige Piazzetta David Herbert Lawrence, mit Blick auf die Altstadt, den Hafen und das Meer. Von der Piazza gehts über breite Marmortreppen runter zur Piazza Costituzione, Zeit für ein Glas Wein! Ich bin nun etwas entspannter und besser gelaunt als noch vor einer Stunde. «Ich würde noch ein Glas Wein nehmen», meint Susanne. Ist sie nicht eine tolle Frau? Mir gefällt die Idee ungemein und als wir uns nach dem Wein noch einen Caffè gegönnt haben, ist der Tag gerettet!
Wir drehen eine letzte Runde durch die Altstadt, durch hübsche Gassen mit farbigen Häuserzeilen. Von den kleinen, schmalen Balkonen mit ihren verzierten, gusseisernen Geländern, hängen Pflanzen oder Wäsche zum Trocknen, insofern ein typisches Bild für eine italienische Stadt. In der Mitte der Gasse gibts einen schmalen Streifen mit kleinem Kopfsteinplaster, daneben grosse und flache Steine mit exakten, gleichmässigen Fugen, bei diesem Anblick müssten sich die Ingenieure von Tesla für die Spaltmasse ihrer Fahrzeuge schämen! Das Wasser kann perfekt ablaufen und in den zahlreichen Dolenschächten versickern, während in Palermo schon der kleinste Regenguss überall für grössere und kleinere Pfützen sorgte. Wir schlendern zurück zum Hafen, bestaunen die Yachten und die Schiffe der italienischen Marine, bevor wir uns auf der Sonnenterrasse einer Bar einen Drink genehmigen. «Was machen wir denn so, an einem Montag?», frage ich Susanne. Wir haben allen Grund zum Lachen!



















































Auf der Fähre nach Sardinien, 30. März 2025
Wir sind schon wach, als der Wecker läutet. Es ist 5.45 Uhr und noch stockfinster, der unsäglichen Zeitumstellung sei Dank. Es ist lange her, dass ich so früh aufgestanden bin, um einer Pflicht, einer Aufgabe, einem Termin nachzukommen. Es sind nur wenige Autos auf den Strassen von Palermo unterwegs, als wir zum Hafen fahren, um auf der Fähre nach Sardinien einzuschiffen.
Nach gut vier Stunden verschwinden die letzten Konturen der sizilianischen Küste, wir sind jetzt umgeben vom grossen Blau, rundherum, so weit das Auge reicht. Wir sitzen draussen, unter Dach, die Gischt der Bugwellen bildet einen weissen Streifen bis zum Horizont. Das Meer ist ruhig, der Himmel beinahe wolkenlos. Ich hänge meinen Gedanken nach. Nicht auszudenken, zusammengepfercht auf einem seeuntüchtigen Boot, Wind und Wetter ausgesetzt, auf dem Mittelmeer zu treiben, in der Hoffnung, lebend das europäisch Festland zu erreichen. Weder möchte ich auf hoher See meinen letzten Atemzug tun, noch wie ein krimineller in einem Lager interniert werden, falls ich die Überfahrt überlebe. Gegen sämtliche Konventionen, unter Umständen jahrelang, unter miserablen Lebensbedingungen festgehalten zu werden, während sich die reichen europäischen Länder gegenseitig den schwarzen Peter zuschieben und sich selbstgefällig gerne als Hüter der Menschenrechte aufspielen!
Zuhause sorgen wir uns über die «Fälleler» aus den Maghrebstaaten und über Femizide, die von Muslimen und Menschen aus dem globalen Süden begangen werden. Schlachtet ein weisser Landsmann seine Frau ab und wirft die Kinder über den Balkon, dann nennen wir das eine Familientragödie. Unsere (rentablen!) Sozialwerke werden von Zuwanderern ausgehöhlt und die 10-Millionen-Schweiz ist Ursache für sinkende Lebensstandards – genau! Statt dass wir uns der Tyrannei der eigenen Vögte entgegenstellen, treten wir lieber auf die Schwachen ein, vorzugsweise dann, wenn sie schon am Boden liegen. Wir Helden.
Während unsere vielgelobte Demokratie nurmehr als Brot und Spiele fürs Volk angesehen werden kann, und unsere Volksvertreter als gutbezahlte Kollaborateure eines perversen Systems keinen Missstand zu beheben in der Lage sind, geht die Umverteilung, von unten nach oben, munter weiter. Da mag ein abgehobener Ökonom gerne den statistischen Nachweis erbringen, dass die Ungleichheit in den letzten 30 Jahren «in etwa» gleichgeblieben sei, es stimmt nicht, und ich weiss das! Ich habe ja in den letzten 40 Jahren nicht (nur) geschlafen, da kann er lange labern! Meine Mamma hat immer gesagt, einen falschen Hund rieche sie 100 Meter gegen den Wind, ein bisschen davon hat sie mir vererbt. Eine objektive Darstellung der Sachlage, frei von ideologischen Scheuklappen und der Arroganz von Vertretern der Hochfinanz findet sich auf infosperber.ch (Ungleichheit in der Schweiz – statistisch weggebügelt). Im Grunde ist es so einfach wie banal, die Reichen werden immer reicher, die Armen immer Ärmer, und diejenigen, die am wenigsten Einkommen erzielen, sind diejenigen, die unser System am meisten abstraft. Sozialstaat eben, Socken hin, Socken her!
Es gibt keinen Grund, weshalb ich in meinem, als Reiseblog getarnten, Tagebuch nicht meine sozialpolitischen Einsichten aufschreibe. Eigentlich, so habe ich gemerkt, eine recht gute Lösung, um aufgestauten Frust abzubauen, einfach mal so vom Leberli zu schreiben! Steine auf Polizisten werfen, die Auslage von Juwelieren zu beschmieren und den Abfall am Strassenrand liegen lassen, ist einfach nicht mein Ding! Weder das eine, noch das andere, werden Veränderungen herbeiführen, da mach ich mir nichts vor. Ich rufe keine Revolution aus, ich würde selber kaum einer folgen. Aber, und das ist der springende Punkt, ich bin nicht mehr bereit, nach den Regeln zu spielen, die mir unter dem Deckmäntelchen demokratischer Ergebnisse auferzwungen werden, wenn sie mir gegen den Strich gehen und sich gegen meine Überzeugungen richten. Nicht gerade Staatsverweigerer will ich sein, aber mit der Hörigkeit hat es sich!










Nachdem wir tagelang von schönem Wetter auf Sizilen profitiert haben, setzte letzten Dienstagabend, nachdem wir in Palermo waren, der Regen ein. Das unbeständige Wetter hinderte uns daran, noch viel zu unternehmen. So hatten wir die Zeit, für die beiden Nächte vor unserer Abreise ein Hotel in Palermo zu buchen, und für die beiden Tage nach unserer Ankunft auf Sardinien eines in Cagliari. Susanne hatte wieder einmal den richtigen Riecher und fand eine Unterkunft in Palermo, die alles bot, was uns wichtig ist. Die Autobahn nach Palermo endet irgendwann einfach in der Stadt, von da an waren es nur noch drei Kilometer bis zu unserem Hotel, nicht auszudenken, wenn ich mitten in Palermo hätte herumkurven müssen! Das Hotel bot uns einen sicheren Parkplatz auf einem Innenhof, ein Fenster auf den botanischen Garten, in ruhiger Lage, nahe am historischen Zentrum und nahe beim Hafen. Perfekt! Wir sind begeistert durch die Strassen von Palermo gelaufen und waren zweimal auch nachts unterwegs, Palermo by night, das hat Spass gemacht! Im historischen Zentrum war viel Betrieb, wenn auch der Regen die Leute von der Strasse vertrieben hat, wir genehmigten uns da einen Drink in einer Bar und dort einen und besiegelten damit unseren Aufenthalt auf Sizilien und verabschiedeten uns heute morgen auch von Palermo.







